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Meralgia paraesthetica

Klassifikation nach ICD-10
G57.1 Meralgia paraesthetica
Inguinaltunnel-Syndrom
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Meralgia paraesthetica (auch Bernhardt-Roth-Syndrom) ist ein Nervenkompressionssyndrom des Nervus cutaneus femoris lateralis im Bereich des Leistenbands.

Die Meralgia paraesthetica ist eine isolierte Einengung (Kompression) des rein sensiblen Nervus cutaneus femoris lateralis. Dieser Nerv entstammt dem Plexus lumbalis und verlässt das Becken dicht an der Spina iliaca anterior superior und dringt hier durch die Fasern des Leistenbandes, wo er leicht eingeengt werden kann. Man spricht dann vom Inguinaltunnel-Syndrom, welches das dritthäufigste Engpass-Syndrom ist.

Ursachen

Die Ursachen der Meralgia paraesthetica sind häufig in einem mechanisch bedingten Druck unter dem Leistenband oder auch Druck- oder Zugeffekte im Nervenverlauf, v.a. am Austrittsort aus dem Becken (Kompressionssyndrome) zu finden. Aber auch eine Läsion des Nerven als Komplikation medizinischer Maßnahmen ist als Ursache nicht selten (zum Beispiel durch Knochenspanentnahme oder durch Beckenkammpunktion, selten auch nach Eröffnung der Bauchdecke z. B. im Rahmen einer komplizierten Appendektomie oder bei Hüftgelenksoperationen).

Von der Meralgia paraesthetica sind Männer drei mal so häufig betroffen wie Frauen.

Bei den Auslösern für einen mechanischen Druck sind typischerweise zu nennen:

Als nicht-mechanische Ursache kommt beispielsweise Diabetes mellitus[2] in Frage.

Symptome

Die Patienten klagen über brennende, eventuell nadelstichartige Schmerzen und Missempfindungen an der vorderen Oberschenkelaußenseite. Anfangs treten diese vor allem bei längerem Stehen oder bei länger gestrecktem Hüftgelenk auf (z. B. beim flach auf dem Rücken Liegen). Die Haut wird überempfindlich, sodass selbst Kleidung kaum ertragen wird. Schmerzen können dadurch vermehrt in der Nacht auftreten (Meralgia paraesthetica nocturna), wenn das Bein komplett gestreckt ist. Es kann ebenfalls zu einem Sensibilitätsausfall kommen, der sich durch ein partielles Taubheitsgefühl der Haut im betroffenen und umliegenden Gebiet äußert.

Später kommt es zu vegetativen Störungen, zum Beispiel einem verminderten Haarwuchs im Versorgungsgebiet des Nerven (Hypotrichose) und zu einer Verdünnung der Haut. Die Sensibilität verschlechtert sich zunehmend und kann schließlich dauerhaft gestört bleiben, obwohl die Missempfindungen weiter bestehen.

Typisch ist, dass sich die Missempfindungen bei Hüftbeugung bessern. Umgekehrt lassen sie sich provozieren durch Überstreckung des Hüftgelenks bei gleichzeitiger Beugung im Knie in Seitenlage. Bei 2/3 der Patienten findet sich ein schmerzhafter Punkt knapp medial der Spina iliaca anterior superior.

Beachtenswert ist, dass es zu keiner motorischen Beeinträchtigung kommt, was die Meralgia paraesthetica von einer Radikulopathie unterscheidet

Behandlung

Wichtig ist es, die mögliche Ursache herauszufinden und die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des einzelnen Betroffenen abzustimmen. Immer ist auch eine Behandlung der möglichen Grunderkrankung erforderlich. Eine frühzeitige Therapie ist in jedem Fall sinnvoll. Je länger eine Nervenschädigung anhält, desto schwieriger und langwieriger ist der Heilungsprozess. Deswegen sollten Betroffene schon bei leichten Beschwerden einen Arzt aufsuchen und die Ursache klären lassen. Enge Kleidung sollte vermieden werden. Die Streckhaltung des Hüftgelenks zu vermeiden schafft meist eine Linderung, zum Beispiel durch ein Unterpolstern des Beins in der Nacht. Vorübergehende Linderung kann die Injektion eines Lokalanästhetikums am Durchtrittspunkt des Nerven durchs Leistenband verschaffen.

Bei einer Vielzahl der Betroffenen bildet sich die Symptomatik allerdings spontan zurück, wenn der auslösende Faktor beseitigt ist, so dass eine operative Behandlung nur in wenigen Fällen notwendig ist.

In verzweifelten Fällen kann die operative Dekompression oder gar die Durchtrennung des Nerven Abhilfe schaffen. Aber auch durch diese radikale Therapie werden nur ca. 80 % der Patienten schmerzfrei, in manchen Fällen können sich die Schmerzen trotz Durchtrennung sogar noch verschlimmern.

Medikamentöse Schmerzbehandlung

Akut und subakut können zunächst möglichst langwirkende und magenschonende nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs; Rheumamittel) versucht werden, ansonsten Pyrimidinnukleoside, Baclofen (ein im Gehirn/Rückenmark wirkendes Mittel zur Muskelentspannung) und bei eher paroxysmalen (anfallsartigen) Schmerzen Carbamazepin, Gabapentin oder Pregabalin. Zur Wirkstoffeinsparung (z. B. bei übermäßigen Nebenwirkungen) kann Carbamazepin (Gabapentin, Pregabalin) mit Baclofen kombiniert werden.

Spezielle Schmerztherapie

Therapeutische Lokalanästhesie (Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel bzw. Lokalanästhetika) bei der Meralgia paraesthetica: Wiederholte Nervenblockaden/Betäubungen des N. cutaneus femoris lateralis mit 5–8 ml Bupivacain 0,25 % im Winkel zwischen Spina iliaca anterior superior und dem Leistenband. In hartnäckigen Fällen kontinuierliche 3-in-1-Blockade mittels N.-femoralis-Katheter. Pharmakologisch bietet sich eine Therapie mit antineuropatisch wirksamen Medikamenten, wie Antikonvulsiva (z.B.Pregabalin) oder Antidepressiva (z.B. Amitriptylin) an.

Darüber hinaus gibt es zwei operative Techniken, die Dekompression und die Durchtrennung des Nervs.

In der Regel werden zunächst die nichtoperativen Methoden eingesetzt und nur bei unveränderten Beschwerden wird anschließend eine operative Therapie empfohlen.

Literatur

Bernhardt, M. Ueber isolirt im Gebiet des N. cut. fem. ext. vorkommende Parästhesien. Neurologisches Centralblatt 1895, Nr. 6
Roth, W. K. Meralgia parästhetica. Berlin: S. Karger 1895
Ivins GK. Meralgia paresthetica, the elusive diagnosis: clinical experience with 14 adult patients. Ann Surg. 2000 Aug;232(2):281-6. PMID 10903608

Einzelnachweise

  1. Durbin DR, Arbogast KB, Moll EK.: Seat belt syndrome in children: a case report and review of the literature. Pediatr Emerg Care. 2001 Dec;17(6):474-7. PMID 11753199
  2. Pearce JM.: Meralgia paraesthetica (Bernhardt-Roth syndrome). J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2006 Jan;77(1):84. PMID 16361600
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